
Kritik an der Berliner Tafel: Wir stellen uns der öffentlichen Debatte
Die Tafeln sind eine der größten sozialen Bewegungen in Deutschland. Mit der wachsenden gesellschaftlichen Bedeutung von Themen wie Lebensmittelrettung und -verschwendung nimmt auch das öffentliche Interesse an der Arbeit der Tafeln zu. Entsprechend rückt unsere Arbeit immer häufiger in den Fokus der Medien und ist regelmäßig Gegenstand der öffentlichen Berichterstattung und gesellschaftlichen Debatte.
„Wir wissen, dass unsere Arbeit keine Lösung für Armut und soziale Ungleichheit sein kann. Aber solange Menschen auf Unterstützung angewiesen sind, möchten wir mit unserer Arbeit ganz konkret helfen – und gleichzeitig darauf aufmerksam machen, dass es langfristig gerechtere politische und gesellschaftliche Lösungen braucht.“
Sabine Werth, Gründerin und Vorsitzende der Berliner Tafel e. V.
Teil des Problems? Unsere Haltung zur Kritik
Angestoßen wurde die breite Debatte über die Tafeln im Jahr 2008 von Professor Stefan Selke mit seinem Buch „Fast ganz unten. Wie man in Deutschland durch die Hilfe von Lebensmitteltafeln satt wird“.
Die konstruktive Debatte geht weiter: Sprechen Sie mit uns
Wir haben auf dieser Seite unsere Haltung zu den wichtigsten Kritikpunkten an der Berliner Tafel dargelegt. Doch eine lebendige gesellschaftspolitische Debatte ist niemals abgeschlossen. Wir stellen uns weiterhin den kritischen Fragen unserer Zeit und freuen uns über den direkten, ehrlichen Austausch.
Unsere Mission auf einen Blick: Die drei Säulen der Berliner Tafel
Immer wieder begegnet uns im öffentlichen Diskurs Kritik an der Berliner Tafel. Bevor wir uns also rechtfertigen, lassen wir lieber unsere tägliche Arbeit auf der Straße sprechen. Als erste Tafel Deutschlands (gegründet 1993) sind wir heute ein riesiges, stadtweites Logistik- und Bildungsnetzwerk. Unsere Arbeit ruht auf drei starken Säulen, die eindrucksvoll zeigen, wo wir ganz konkret anpacken:
1. Lebensmittelrettung: Logistik für soziale Einrichtungen
Das ist das historische Herzstück unseres Vereins. Täglich retten wir tonnenweise einwandfreie Lebensmittel von Supermärkten und Produzenten vor der Vernichtung. Diese Waren werden in unseren Hallen sortiert und an rund 400 soziale Einrichtungen in ganz Berlin – wie Notübernachtungen, Suppenküchen und Frauenhäuser – verteilt.


2. LAIB und SEELE: Direkte Hilfe im Kiez
Um Lebensmittel direkt an Privathaushalte weiterzugeben, haben wir gemeinsam mit den Kirchen und dem rbb LAIB und SEELE gegründet. An fast 50 Ausgabestellen verteilen Ehrenamtliche wöchentlich frische Lebensmittel. Hier ist der Ort, an dem wir im direkten Kontakt unbürokratisch armutsbetroffene Menschen unterstützen und wichtige soziale Treffpunkte gegen die Einsamkeit schaffen.
3. KIMBA: Präventive Ernährungsbildung für Kinder
Reine Nothilfe reicht uns nicht aus, weshalb wir mit KIMBA (Kinder-IMBiss-Aktiv) fest in die Zukunft blicken. Ob im KIMBAexpress, in der KIMBAschule oder im KIMBAkolleg – wir zeigen Heranwachsenden völlig unabhängig vom Einkommen der Eltern, wie viel Spaß es macht, aus frischen Zutaten gesunde Mahlzeiten selbst zu kochen.


Klassik

LuS

KIMBA
Sie haben Fragen oder Hinweise?
Sollte Ihnen etwas ungewöhnlich erscheinen oder haben Sie Zweifel, ob eine Sammlung oder Aktion tatsächlich von der Berliner Tafel durchgeführt wird, freuen wir uns über Ihren Hinweis. Sie erreichen uns montags bis freitags von 9:00 bis 16:00 Uhr.
Häufig gestellte Fragen (FAQ) zur Kritik an der Berliner Tafel
Entlässt die Tafel den Staat aus der Verantwortung?
Tatsächlich verstehen wir unsere Arbeit genau umgekehrt: Wir retten überschüssige, einwandfreie Lebensmittel vor der Verschwendung und unterstützen damit armutsbetroffene Menschen. So verbinden wir ökologisches und soziales Engagement. Gleichzeitig machen wir auf gesellschaftliche Missstände aufmerksam und setzen uns dafür ein, dass der Staat seiner Verantwortung für eine wirksame Armutsbekämpfung gerecht wird.
Die Berliner Tafel ersetzt keine staatlichen Leistungen – sie macht sichtbar, wo diese nicht ausreichen. Unsere Unterstützung ist eine freiwillige Hilfe und darf niemals als Ersatz für staatliche Leistungen dienen.
Bekämpft die Tafel überhaupt die eigentlichen Ursachen von Armut?
Eine häufige geäußerte Kritik an der Berliner Tafel lautet, dass wir die Ursachen von Armut nicht beseitigen. Das stimmt: Wir heilen nicht die Krankheit, wir lindern in unseren Ausgabestellen lediglich die akuten Symptome. Die Bekämpfung der eigentlichen Ursachen – etwa zu niedrige Löhne, prekäre Beschäftigungsverhältnisse, unzureichende Renten oder zu geringe Regelsätze – ist eine politische Aufgabe. Die Tafeln können und wollen den Sozialstaat nicht ersetzen. Gleichzeitig bringen wir uns als Verein regelmäßig in öffentliche Debatten ein, um auf diese Missstände aufmerksam zu machen.
Sind die Tafeln ein Teil des Problems statt der Lösung?
Ein zentraler Kritikpunkt an der Berliner Tafel lautet wieder, dass ehrenamtliche Initiativen wie unsere Armut eher verwalten als bekämpfen. Kritiker:innen befürchten, dass unsere Unterstützung bestehende Probleme verfestigt und der Staat sich dadurch seiner sozialen Verantwortung leichter entziehen könne.
Unsere Haltung ist pragmatisch: Solange Menschen auf Hilfe angewiesen sind, unterstützen wir sie und retten gleichzeitig genießbare Lebensmittel vor der Verschwendung. Zugleich machen wir immer wieder auf die Ursachen von Armut aufmerksam. Deren Bekämpfung bleibt eine politische Aufgabe – unser Engagement kann und soll den Sozialstaat nicht ersetzen.
Hält die Tafel Menschen davon ab, für ihre Rechte einzutreten?
Nein. Wir teilen die geäußerte Berliner-Tafel-Kritik nicht, dass unsere Unterstützung Menschen passiv mache und davon abhalte, ihre Rechte einzufordern. Im Gegenteil: Unsere Ausgabestellen sind Orte der Begegnung und des Austauschs. Hier erhalten Menschen Informationen über weitere Hilfsangebote, kommen mit anderen ins Gespräch und können neue Orientierung und Selbstvertrauen gewinnen.
